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Christel Prüßner, Hannover

Weihnachten ist (k)eine verstaubte Geschichte.

   

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Weihnachten ist (k)eine verstaubte Geschichte.

    Wem geht es nicht ähnlich, wie dem Nachbarn: Da ist die Freude, auch so eine heimelige Vorfreude, vielleicht noch ein wenig Spannung. Mitten drin das ganz große Fest. Schön und gut, aber hat jemand von uns schon einmal die Weihnachtsgedanken mitten um Sommer schenken lassen? Mich hatte in diesem Jahr das Thema Gesundheit mit zwei überraschend notwendigen Operationen in Beschlag genommen. Und im Rückblick erkenne ich beim Durchsehen der jährlich viel zu vielen Fotografien, dass mir genau in dieser Zeit der Überraschungen etliche Weihnachtsbilder begegneten, die es in sich haben. Verpackte Geschenke ihrer Epoche, mir überreicht mitten im Sommer. Nur zwei von ihnen möchte ich herausheben. Beide kann nur der finden, der sich in versteckte Dörfer begibt. Oder wer kennt „Netze“ und „Marsow“ - doch letzteres Dorf liegt ganz in Ihrer Nähe, aber Netze? - heute ein Ortsteil von Waldeck in Oberhessen (nahe der Edertalsperre). Und die Überraschungen in den Bildern? - Um 1370 wurde das Bild für einen beachtenswerten Flügelaltar geschaffen: Josef hat die Aufgabe übernommen, für das leibliche Wohl seiner Frau zu sorgen, er rührt im Suppentopf, die Flammen unter dem Topf sorgen für die notwendige Hitze. Ob es dem Künstler wichtig war? Ich musste beim Betrachten dieses Bildes befreit lächeln. Alles ist ganz anders, kein lockiges Haar, kein zuckersüßes Geschichtchen, einfach die Wirklichkeit des Alltags; das Wochenbett erfordert neue Aufgaben. - Und das andere Bild so ganz anders, viel vertrauter, so hübsch andächtig. Und doch ist es so ganz etwas besonders. Das Kirchlein in Marsow, grad noch einmal einer leisen Katastrophe entkommen, viele Monate konnte es nicht genutzt werden. Zu seinen Schmuckstücken gehört auch dieses Fenster. Als ich mir nach dem Besuch das Foto ansehe, muss ich schmunzeln. Die Spinnengewebe rund um das Bild der alten verstaubten Weihnachtsgeschichte? Die Provokation ist den Spinnen gelungen. Ich werde mir dieses Jahr zu Weihnachten die Geschichte von Gott und uns Menschen noch einmal aus der Sicht einer Spinne ganz genau betrachten – ganz nah an sie herangehen. - Ahnen Sie, es könnte lohnen! - Doch schon jetzt haben mir die vielen Krippenbilder-Begegnungen geholfen, auf andere Gedanken zu kommen, das Leben neu zu sehen.

    Christel Prüßner, Hannover (2011)


 
   

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