Aberwitzige Hektik in der Unterführung
Aus:Eisenbahn-Kurier, 12/1998

    Das fränkische Ebenhausen am Freitag, den 16.Oktober – ein kleiner beschaulicher Ort in der Provinz und Bahnstation an der Strecke Erfurt – Schweinfurt mit Abzweig nach Bad Kissingen.

    Gegen 7.15 treffen mit der Regionalbahn aus Bad Kissingen Pendler in Ebenhausen auf Gleis 1 ein, die, wie sie es gewohnt sind, in den planmäßig etwas später kommenden Regional-Expreß aus Erfurt nach Schweinfurt umsteigen wollen. – Außerplanmäßig steht dieser Zug bereits auf Gleis 4 des Ebenhausener Bahnhofes. Voll Freude ib des bereits vorhandenen Zuges machen sich ca. 200 Fahrgäste durch die Bahnsteigunterführung auf den Weg nach Gleis 4. – Nachdem alle Platz genommen haben, bittet der Fahrdienstleiter über Bahnsteiglautsprecher alle Fahrgäste auszusteigen, da der Zug auf Gleis 3 rangiert werden müsse. Alle Passagiere steigen aus und begeben sich durch die Unterführung auf Gleis 3. Der Zug wird bereitgestellt und alle Reisenden steigen wieder ein.

    Kurz darauf wird – wieder über Bahnsteiglautsprecher – mitgeteilt, daß dieser Zug erst um 8 Uhr nach Schweinfurt fahren wird., für die zahlreichen Arbeitnehmer natürlich viel zu spät. Um diese Menschen trotzdem noch einigermaßen pünktlich an deren Arbeitsplatz zu bringen, sei bereits ein Ersatzzug aus Schweinfurt nach Ebenhausen unterwegs , der in Kürze auf Gleis 4 einfahren würde. – Das heißt, 200 Fahrgäste (oder sollte man lieber Fußgänger sagen) marschieren sichtlich aufgebracht durch die Unterführung wieder zu Gleis 4. Alles versammelt sich am Bahnsteig. - Da ertönt wieder der Lautsprecher: Der Zug auf Gleis 1, der die Pendler aus Bad Kissingen nach Ebenhausen brachte und zu einem späteren Zeitpunkt nach Bad Kissingen zurückkehren wird, soll nun auch die Fahrt nach Schweinfurt unternehmen, was viele, jedoch nicht alle, an Gleis 4 veranlaßt, wieder durch die Unterführung nach Gleis 1 zu flitzen und in den dort stehenden Zug einzusteigen. – Die Zurückgebliebenen tun nämlich gut daran, an Gleis 4 zu verharren, denn bereits eingetroffene Ersatzzug fährt, wie jetzt mitgeteilt wird, bereits zehn Minuten früher gen Schweinfurt. Mit dem Abfahrtspfiff des Ersatzzuges erschallt auch der Aufschrei der Menge im Zug auf Gleis 1, die natürlich früher am Arbeitsplatz sein möchte.

    Hektische Betriebsamkeit – wieder in der Bahnsteigunterführung – als die Massen auf Gleis 4 stürmen. – Die verbalen Attacken auf die DB, Zugführer und Mitreisende stehen kurz davor, sich in handgreifliche Auseinandersetzungen zu wandeln. Als dann alle im Ersatzzug nach Schweinfurt sitzen, suchen viele nach der "versteckten Kamera" im Bahnhof von Ebenhausen. – Es versteht sich von selbst, daß das Begleitpersonal in diesem Zug keine Fahrkartenkontrolle mehr vornahm.

Stefan Valentin