alle Fotos: Christel Prüßner, Hannover

Offizielle Adresse der Kirche:
(Hemmingen-) Arnum, Bockstraße 33

Die evangelisch-lutherische Friedenskirche in Arnum

Wer hatte schon einmal die Gelegenheit, dabei zu sein, wenn eine Kirchengemeinde sich mit manchmal gewaltigen Umwegen an den Bau einer Kirche wagen darf. Allein das zu schildern wäre eine sehr spannungsvolle Geschichte von Gemeinde und ihren einzelnen Menschen. Denn es stoßen schon bei dem Ansinnen so etwas anzufangen, eine Kirche bauen, Ansichten aneinander, die nicht unbedingt am Ende geeint sind. Von 1972 bis 1994 erlebte ich diese Geschichte als „Nachbar“ und dann als unmittelbar Mitarbeitender. Ich erinnere mich an einen Ausspruch, der immer wieder unverrückbar in die Diskussionen eingeführt wurde: „Wozu braucht es in diesen Zeiten noch eines Prachtbaues, der nur sehr selten genutzt wird?“ - Und wenn dieser Satz heute 2009 gelesen wird, hat er schon seinen eigenen Geschmack. Mir begegnete er um 1975 im Blick auf eine zu bauende Kirche in Arnum das erste Mal, dann wieder oft in den 1980er Jahren; bis dann schließlich um 1989 die Pläne aus den Köpfen aufs Papier kamen und das Gebäude reale Gestalt annahm.

 

Die St.Vitus-Kirche in Wilkenburg

Arnum, bis 1945 ein Dorf südlich von Hannover gelegen an der damals noch so genannten Reichsstraße 3, ein uralter Handelsweg von Hamburg nach Basel. Schon 1928 ist der Verkehr auf dieser Straße so stark, dass es Pläne einer Umgehungsstraße gibt – die bis heute nicht gebaut wurde. Mitten in diesem Dorf ein winzig kleine Wehrkapelle. Die Kirche der Arnumer steht seit mindestens 1140 neben an in Wilkenburg. Die St.Vitus-Kirche ist die Kirche für mehrere Dörfer. Arnum hat um 1940 um sechshundert Einwohner, Landwirte und Arbeiter der nahen Großstadt. Dann kommen die Flüchtlinge aus dem Osten... und dann die Stadtflüchtigen aus Hannover und die, deren Beruf es nach Hannover gezogen hat und die lieber nicht in der Großstadt leben möchten. Um 1965 ist Arnum bereits mit dreitausend Einwohnern dem kleinen Wilkenburg (800 Einwohner) ganz sauber über den Kopf weg gewachsen. Die kleine Kapellengemeinde entwickelt ein eigenes Leben, die erstmals zweite Pfarrstelle für Wilkenburg wird gleich in Arnum angesiedelt, der Pastor wohnt in einem Reihenhaus mitten in der Gemeinde... Und es schon längst klar, es müssen in Arnum eigene Gemeinderäume geschaffen werden. Arnum ist noch immer eigenständige Kommunalgemeinde, plant seinen Ort mit einem neuen Zentrum entfernt von der lästigen Bundesstraße, ein großer Marktplatz ist vorgesehen ein schöne Rathaus und an diesem Rathausplatz – gleich neben der Feuerwehr darf die evangelische Kirchengemeinde Wilkenburg sich einen Platz reservieren für eine Gemeindezentrum mit allem drum und dran. Am 15.Dezember 1968 wird der erste Bauabschnitt eingeweiht, das großzügige bemessene und räumlich ausgestattete Gemeindehaus.


Die Wehrkapelle in Arnum

Nach wirklich tief gehenden Auseinandersetzungen kommt im Verlaufe dieser Entwicklung auch zum „Abspalten“ der Kapellengemeinde von Wilkenburg und damit zur neuen Friedens-Kirchengemeinde. Als nächster Bauabschnitt war vorgesehen, die Kirche an das Gemeindehaus anzubauen. Armierungen und eine lange provisorische fensterlose Wand zeigten dieses deutlich an. Die Gottesdienst wurde im Gemeindesaal gefeiert. Ein Raum der dafür erkennbar ungeeignet war, wie sich aus einem ganz kleinen Nebenaspekt nachträglich ablesen lässt. Im Fotoarchiv der Gemeinde gibt es etliche Bilder, die den Gottesdienstraum in Aktion zeigen und der Altar steht im Verlaufe der folgenden Jahre an 5 verschiedenen Plätzen, obwohl der Raum nur vier Seitenwände aufweist. Auch war der Raum übers Jahr gesehen an viel zu vielen Tagen für die Gottesdienste zu klein bemessen (offiziell zugelassen waren 90 Personen, die Kirchengemeinde hatte dem Zeitpunkt des Baus schon 2.500 Gemeindeglieder), das Raumklima darum eine Katastrophe...

Irgendwann wurde die kleine Kapelle an der Bundesstraße wieder entdeckt, geeinigt, neu bestuhlt... Es war wirklich kein Zustand für die Kirchengemeinde... Der Vollständigkeit halber soll aber auch erwähnt werden: 1974 überrollte die weise Landesregierung von Niedersachsen im Anflug von Wahnsinn mit dem Anspruch Geld sparen zu wollen das Land mit einer Kommunalreform, die alles andere als sinnvoll war; Arnum gehörte damit zur neuen Kunstgemeinde Hemmingen; aus dem Rathaus wurde nichts, die ersten am Marktplatz errichteten dreigeschossigen Mietshäuser stand einsam und eher unschön am Ortsrand, der unbearbeitete Markplatz selber entartete mehr und mehr zu einem Wildplatz mit Zufallsgrün und Bauschutt. Und statt mitten im Ort befand sich nun auch das sehr flach gehaltene Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde.

(Noch heute lässt sich das Drama von 1974 gut erkennen!)


Die Turm-Laterne wird als ganzes angeliefert

Die Kirchengemeinde brauchte dringend einen größeren Gottesdienstraum, das war klar und auch von Seiten der Landeskirche anerkannt. Der alte Plan hatte noch immer vertragsrechtlichen Bestand, aber war für die finanzielle Situation der Landeskirche zu überdimensioniert.

Für die nun notwendigen neuen Planung stand ausreichend Bauplatz zur Verfügung. Und aus den Eckpunkten „geringe Finanzmittel“ und „möglichst großer Raum“ entstand die Friedenskirche, die nicht versteckt und geduckt hinter anderen Häusern gesucht werden muss, sondern die durchaus einen markanten Blickpunkt darstellt, an dem man nicht einfach so vorbei kommt. Vielleicht kommen eines Tages sogar noch viel mehr Menschen dort vorbei, denn schon seit geraumer Zeit gibt es den Plan die Stadtbahn von Hannover her bis nach Arnum zu verlängern und dann würde wohl dort eine der Haltestellen eingerichtet.

Am 10. Juni 1990 (Trinitatis) wird dann der Grundstein für die neue Arnumer Kirche gelegt. Es ist das Jahr, in dem Arnum selber auch feiert die erste Erwähnung in einer Urkunde aus dem Jahr 1090.


Kanzel u. Lesepult

Die Planung des Gebäudes und des Geländes wurden als Einheit dem Architekten Helmut E.Simon (Wolfenbüttel) und seinen Partnern übertragen. Die Bauarbeiten gingen ohne nennenswerte Probleme von statten, so dass schon am 31,. August 1991 die fertige Kirche feierlich eingeweiht werden konnte! Für die Kirchengemeinde war der neue Gottesdienstraum von Anfang an ein Gewinn. Wenn auch die optische Gestaltung – offenkundig bis heute! - immer wieder zu seltsamen Anmerkungen herausfordert. So erinnere ich mich an die Präsentation des Modells, als mir heraus rutsche „sieht aus wie ein Westernfort“ und sich andere Anwesende mit ganz anderen Assoziationen einbrachten, auch „das kann notfalls auch als Produktionshalle für einen Gewerbebetrieb genutzt werden“ wurde eingeworfen und der Architekt nur schmunzelte. Ich meine mich zu erinnern, dass er nur sagte: Wenn das alles schon von Ihnen so gesehen wird, dann machen Sie doch auch so etwas daraus! Und er meinte es rundherum positiv.

Interessant auch seine Vorstellung des Bauwerkes in schriftlicher Form (siehe unten)

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Flügeln gleich alle Lampen in der Kirche


m Altar die Taufe integriert


Einen augenfälligen Eindruck übernimmt in der Friedenskirche Arnum schon bei Eintreten die Figur des Christus, des gekreuzigten Jesus, dem in die Kirche hineingehenden genau gegenüber, an der wie rundherum schneeweißen Wand diese übergroße mächtige Figur an einem Holzkreuz. Ich erinnere mich an meinen Versuch das Holzkreuz selber nur kurz anzuheben – ohne die Figur – viel zu schwer! Und ich erinnere mich an den Zimmermann(!), der den Auftrag hatte die Figur auf diesem Kreuz zu befestigen, der in einer Pause seines Tun auf einmal sagte, wie aus dem Bauch heraus kommen: „Da merkt man erst, was damals geschehen sein muss! - unmenschlich!“. Der Corpus ist Werk von Professor Jürgen Weber aus Braunschweig und wer zu diesem Werk einen künstlerischen Zugang finden möchte, dem empfehle ich seine eigenen Worte, wie sie in der Festschrift zur Einweihung der Kirche 1991 abgedruckt zu lesen waren.

Im März 2007 wurde dann schließlich die für diese Kirche bestimmte Orgel eingeweiht. Sie stammt der OrgelbaufirmaElmar Krawinkel in Trendelburg.

SOLI DEO GLORIA
-Allein zum Lobe Gottes“

- so steht es auf der Zentralpfeife. An derSpitze dieser Pfeife ist eine Taube eingraviert. Sie ist das Zeichen der Arnumer Friedenskirche.

Christel Prüßner, Hannover (2009)

Aus:

"Festschrift zur Einweihung der Friedenskirche
Arnum 31. August 1991
"

Das Kruzifix

Das Göttliche ist nur im Irdischen darstellbar. Bronze, Holz, Stein, Farbe oder das Wort können nur ein Gleich­nis für die Ewigkeit werden, sie aber niemals direkt wieder­geben. Ob die Darstellung abstrakt oder gegenständlich ist, modern oder aus vergangenen Jahrhunderten, das trifft immer zu. Wenn es vielleicht auch nur eine Wahr­heit gibt, so gibt es sicher viele Gleichnisse dafür. Dieser Korpus ist ein realistisches Gleichnis für den Kreuzestod und die Auferstehung:

Der Korpus ist viermal an das Kreuz genagelt. Die Nägel gehen durch die Fuß- und Handwurzeln, so wie Jesus wirklich an das Kreuz genagelt worden sein muß, weil die Nägel nur an diesen Stellen unter dem Gewicht des Körpers nicht ausreißen würden. Der Körper hängt mit V-förmig nach oben geöffneten Armen an den Quer­balken des Kreuzes. Sie sind aber nicht gerade durch­gestreckt, sondern in den Ellenbogen leicht geknickt, weil der Gekreuzigte sich mit seinem rechten Bein gegen den Schmerz des Hängens stemmt und damit die Arme etwas entlastet. Es ist also ein Vorgang zwischen Hängen und sich wieder Aufrichten. Ich habe einen männlichen Körper mit kräftigen Knochen und deutlichen Gelenken modelliert. Hände und Füße, die von den Nägeln beson­ders geschundenen und zerstörten Glieder, sind unge­wöhnlich groß und noch dazu so auffällig, da die Hände über den Querbalken ragend sich nach oben öffnen. Der Querbalken ist nicht nur kräftiger im Querschnitt als der senkrechte, sondern ragt auch vor, um das freie Hängen des Körpers in den Handgelenken deutlicher machen zu können.

Dieser Kruzifixus rückt also einmal den schmerzvollen Foltertod des Gekreuzigtwerdens dem Betrachter vor Augen, wie er andererseits durch seine aufragende V-Form, die nach oben geöffneten Hände und die Drehung des Körpers um seine vertikale Achse zu einem Fanal des Lebens, der kraftvollen, aufwärtsgerichteten Bewegung wird: Ein Gleichnis für Sterben und Auferstehung.

Prof. Jürgen Weber, Braunschweig

Aus:

"Festschrift zur Einweihung der Friedenskirche
Arnum 31. August 1991
"

Die neue Kirche in Arnum

Von Osten nach Westen,
vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang,
verläuft eine Achse.
Darauf steht die Kirche.
Im Westen die Apsis mit dem Innenaltar.
Im Osten der Außenaltar,
symbolhaft als Gegenpol des Innenaltars,
als eine Skulptur.
Zwischen den Altären die Gemeinde,
unter dem täglich neuen Bogen des Lichtes der Sonne.


Raum und Möglichkeit auch "draußen" Gottesdienst zu feiern

Es gibt eine Kirche,
und es gibt ein Haus der Gemeinde.
Eigenständig stehen sie nebeneinander,
als Zeugnisse ihrer Zeit,
nicht miteinander konkurrierend,
sich nicht gegenseitig erdrückend,
nicht ineinander verschmelzend,
sondern:
einander respektierend,
mit gegenseitigem Bezug,
und mit einem Bezug zu ihrer Aufgabe.

Einhohes Mittelschiff,
eine Referenz an die Tradition des Kirchenbaues,
überspannt,
wie ein Rückgrat,
den Kirchraum in Längsrichtung.
Jeweils an seinen Enden wird es getragen,
im Osten vom Unterbau des Turmes,
im Westen von einem Stützenpaar jenseits der Apsis,
und läßt das Sonnenlicht,
gleich dem Obergaden einer Basilika,
seitlich in den Innenraum
und erzeugt die hohe Mitte
zwischen dem Altar und dem Eingangsportal.

Massives und schweres Mauerwerk umschließt
den Sockelbau der Seitenschiffe und trägt die leichten Dächer, die, Flügeln gleich, die Gemeinde überwölben.
Licht fällt ein,
zwischen Erde und Himmel,
über dem Sockel und unter den Dächern,
von allen Seiten nach allen Seiten,
und läßt die Dachhaut schweben.

Als Schlußpunkt im Westen:
zwei Jahreszeitenbäume,
sichtbar vom Innenraum der Kirche,
durch weite Fenster über dem Altar,
vor dem Himmel mit Wolken, Wetter und Licht.
Im Sommer schützt das Laub vor der hoch stehenden
onne im Westen und zerstreut ihr starkes Licht.
Im Winter läßt die blätterfreie Krone die tiefen
Sonnen­strahlen willkommen und wärmend in den Kirchraum hinein.

Alles überragt der Glockenturm,
ein Gegenpart zum Dachreiter der Arnumer Kapelle,
mächtiger und höher zwar,
doch ähnlich in der Form.
Unter ihm das hohe Hauptportal,
und innen,

den Turm umschließend und vom Turm getragen,
die Empore für Orgel, Chor und Gemeinde.
Durch die Ostfront mit dem Turmbau,
massiv und transparent zugleich,
fällt das Ostlicht des Sonnenaufgangs
in den Kirchraum und auf den Altar.


Raum für den vielleicht einst 1000jährigen Rosenstock von Arnum

Vor der Kirche:
ein Platz,
von Bäumen umrahmt,
ein grüner Raum,
ein Vorraum zur Kirche,
ein Vorraum zum Haus der Gemeinde,
ein Raum als Bindeglied zwischen beiden.


die Sakristei

In der Mitte ein Freiraum,
im Osten der Freialtar,
im Westen das Kirchenportal,
im Süden die Türen zum Haus der Gemeinde,
im Norden der Weg von der Straße,
und dazwischen:

der Kirchplatz.
Erhöht auf zwei Stufen steht der Altar,
im Westteil des Kirchraums, den,
durch die schweren Außenwände hindurch,
zwei Türen nach Norden und Süden öffnen.

Dahinter,
im Norden:
die Sakristei,
ein kleiner, runder, in sich ruhender Raum,
und im Süden:
ein geschwungenes Podest,
Altar und Kanzel und Bühne zugleich,

und weiter:
von Strauchwerk dicht umschlossen,
ein Außenraum, der,
nach rückwärts ansteigend,
Saal und Tribüne unter freiem Himmel ist,
und Kirche und Gemeindehaus verbindet,
von beiden nutzbar ist.

Hinter dem Altar,
alsRückwand der Apsis,
eine geschwungene Scheibe,
symbolhaft für die Krümmung der Erde,
in ihrer Mitte das Kreuz und der Korpus,
davor der Altar,
darüber das rötliche Licht von Westen,
die Kronen der Bäume,
der sich verfärbende Himmel.

Dipl.-Ing. Dipl-Des. Architekt Helmut E. Simon