GEH SCHICHTEN

 

Die Sache mit „Flex“

Mit mir sich über Spitz- oder Kose-Namen auseinanderzusetzen, ist riskant. Mein amtlicher Vorname bereitete den Menschen schon immer Schwierigkeiten genug und die dazu gehörenden Glossen muss ich an anderer Stelle irgendwann einmal zusammenfassen – wenn ich dazu den richtigen Draht finde.

Begonnen hatte es schleichend, erst während der Studienzeit, irgendjemand bezeichnete mich auf einmal wohl als „Friedel“. Mir selbst war das zunächst gar nicht bewusst aufgefallen. Und es blieb dann auch bei nur zwei Personen übrig. Wohl darum, weil zu meinem Studienjahrgang tatsächlich ein Friedel gehörte. Trotzdem gibt es in meinen gesammelten Belegen aus den vielen Jahren sogar aus den Tagen des Examens ein vom Sekretariat erstelltes Aufgabenblatt, das als Adressat mich mit dem Vornamen „Friedel“ bezeichnet. Es gibt aber auch eine auf der Hand liegende andere Erklärung dafür, dass sich ein sogenannter Spitzname in der Zeit eher nicht durchsetzen konnte.

Über die gesamte Zeit der Ausbildung galt für uns die allgemein einzuhaltenden und zu pflegende Anrede „Bruder“ und dann folgend der Familienname. - Sich über Anspruch und gelebte Wirklichkeit hier Gedanken zu machen, ist nicht die geeignete Platz. – Nur so viel: es war eher eine disziplinierende Farce – die meinem gelebten Glauben noch heute absolut Hohn spricht.

Bis 1984, also über zwölf Jahre schon in der Berufswelt angekommen. Gab es nur zwei Personen, die mich scheinbar nur mit dem Namen „Friedel“ kannten, ja sogar diesen Namen bei den Postkarten und Briefen in der Anschrift benutzten. - Viel später stellte sich in einem der beiden Personen heraus, dass er wirklich nicht meinen richtigen Namen zu kennen vorgab. Er hätte es anhand eines stets aktuellen Mitgliederverzeichnisses durchaus besser wissen können.

Im Winter 1984 zogen wir dann von Hemmingen direkt in die Stadt Hannover. Wir hatten dort in der Walter-Flex-Straße ein günstiges Reihenhaus gefunden, das per Zeitvertrag zur Miete angeboten wurde. - Walter Flex*; wer ist das gewesen, das nach ihm eine Straße benannt werden konnte oder musste. - Ich kannte ihn nicht, sein Name sagte mir nichts, und wie sich herausstellen sollte, keiner von denen, die ich bis heute zu „Flex“ aufklären durfte, kam irgendwie direkt auf eine irgendwie wichtige Person – obwohl, nach dem Nennen eines Gedichtes von ihm „Ja, das kenne ich auch irgendwoher!“ - nämlich als Wander-Lied. - Gewiss kein Zufall war es dann, dass sich bei dem üppigen noch da und dort vorgefundenen Nachlass des (verstorbenen) Vorbesitzers auch genau dieses Buch lag, in dem das besagte Gedicht auch abgedruckt zu finden ist.

Was ich wieder nicht sofort bemerkte, das war der Umstand, dass innerhalb einer Gruppe ehrenamtlich tätiger Mitarbeitender, schon nach einem knappen halben Jahr meine Person unter dem Namen „Flex“ gehandelt wurde. Hintergrund war die von dieser Gruppe zu leistende Verwaltungsarbeit und dabei war mindestens einmal im Monat eben auch meine Adresse auf einen Briefumschlag zu schreiben. Der Straßenname belustigte und auf einmal hieß ich „Flex“, ohne es selbst zu wissen und dann zu realisieren; - das dauerte tatsächlich eine ganze Weile und bedurfte meiner Rückfrage, was denn das mit „dem Flex“ sollte. - Es würde sich besser anhören, als mich bei meinem Familiennamen anzusprechen, wie ich es eher vorzog. - Unmerklich wurde daraus wirklich eine Anrede. Es gibt etwa ab 1985 sogar wichtige Protokolle aus dem Umfeld meines regionalen Arbeitsplatzes, die alle Anwesenden erfassen und dort steht immer wieder für meine Person „Flex“; Aufträge wurden an „Flex“ weitergereicht, „Flex“ berichtete“ usw. - Leicht verstört waren immer nur sogenannte Neulinge, weil ihnen der Name so kurz erschien und sie eher an eine Maschine aus dem handwerklichen Umfeld erinnert wurden. Oder wenn jemand aus einem übergeordneten Bereich ein amtliches Schriftstück in den Händen hielt und rätselte, wer denn unseren Kreis da vertreten habe, der Name der Frau sei ja gar keinem bekannt. Und dann kam das Jahr 1992/93 (genauer lässt sich das für mich nicht mehr realisieren). Innerhalb eines wöchentlichen Dienstgespräches eines der Orte, in denen ich tätig war, musste die Schreibkraft in ihr Zimmer laufen, weil das Telefon nach angemessener Aufmerksamkeit verlangte (eine entsetzliche und schrille Glocke im Flur sorgte aufdringlich dafür). In diesem Ort kannten mich alle nur bei meinem Familiennamen und ganz wenigen war mein Vorname überhaupt bekannt – weil er keine Rolle im täglichen Geschäft spielte. Die Schreibkraft kam zurück in den Sitzungsraum und wurde befragt, wer denn um diese Zeit schon angerufen habe... „nichts Besonderes, da war irgendjemand von der Dienststelle YX und wollte einen Flex sprechen, und da habe ich nur gesagt, so einen haben wir hier nicht!“ Ich konnte aufklären, es gab leichtes Schmunzeln – aber auch das erstaunte Gesicht eine Kollegin, die der Zeit schon lange ebenfalls auf Kreisebene tätig war; sie musste erkennen, dass sie nicht eingebunden ist; sie hatte davon noch nie vorher was gehört. - Tags drauf bin ich in genau dieser Dienststelle YX tätig; der Vorgang war für mich schon versandet. Aber der neue Zivi, den ich nun kennenlernte, hörte die an mich gerichtete Anrede vom örtlichen Kollegen, fragt nach und ist erstaunt, „aber warum haben die denn gesagt, dass es dich da gar nicht gibt!“ - Er hatte den Auftrag von seinem Einsatzleiter bekommen, „Ruf mal Flex an, und frag nach diesem und jenem!“ Meinen „richtigen“ Namen hatte er bis dahin nicht erfahren.

Und dann ereignet sich im Jahr 2000 auf einem ganz anderen Gebiet eine nun wirklich nachdrücklich wirksame Geschichte zu dem Namen „Flex“. Mein Patenjunge, inzwischen frisch konfirmiert, war der Einladung des Jugendverbandes gefolgt, mit dem ich zwar auch eng verbandelt war, aber darum wusste ich nicht zwingend, was auf all den Ebenen ringsherum wer wann und wie mit wem machte. So passierte es, dass ich den Jungen zu seinem Geburtstag besuchte. Erst knapp einer Stunde zuvor war er von einem Schulungswochenende heimgekehrt und noch ganz aufgewühlt von dem vielen, was er da erlebt hatte, spannendes, was er weiter verfolgen wollte. Und vor allem immer wieder der Hinweis auf „den Flex“, mit dem müsste er unbedingt mal in Kontakt kommen, weil der habe und mache usw. Und man habe immer wieder gesagt, wer mehr wissen wolle, der müsse sich unbedingt bei Flex melden... - Die Eltern fragten dann schließlich ihren Sohn, wie er denn diesen „Flex“ erreichen würde und wo der zu finden sei. Das wollte der Junge sich dann in den kommenden Tagen per Telefon erfragen. - Ich saß dabei und musste die ganze Zeit schon zusammen mit Monika grinsen, was alle Anwesenden natürlich vollkommen falsch verstanden. „Du, ich kann Dir sagen, wie Du „Flex“ am schnellsten erreichst!“, erst war es Freude und dann verwirrtes Erstaunen bei ihm und auch bei seinen Eltern, die diesen Spitznamen nicht sonderlich einfallsreich fanden und ihn eher ablehnen würden... wer aber hatte sie gefragt. Dazu muss man aber auch wissen, dass die Eltern sogar im selben Kreis als Ehrenamtliche tätig waren und nun feststellen mussten, sie hatten all die Jahre nichts davon mit bekommen – oder richtiger übersetzt, sich nicht darum bemüht, sich erklären zu lassen, wer jener ominöse Flex überhaupt sei! Immerhin die Mutter des Patenjungen war gewissermaßen meine (Mit-) Chefin aufgrund ihrer Position um Aufsichtsrat.

Dieser Vorfall war dann aber auch Anlass für mich, mehr und mehr darum zu bitten, im öffentlichen und berufsbezogenen Umfeld von der Nutzung des Namens „Flex“ Abstand zu nehmen. Das gefiel einigen nicht so gut, weil sie ihn doch so passend fanden, vor allem wegen seiner zwei zu mir angeblich passenden Ebenen „flexibel“ und „scharf trennend“ - aber mein Anliegen wird auch ernst genommen und durchaus gut verstanden. Und denen es nicht gelingen will? Auch die gibt es, es sind wenige. Von denen weiß ich inzwischen, dass sie „Probleme mit Deinem [amtlichen] Vornamen“ haben und dennoch ist es wohl eher auch ihr Problem im Umgang mit den viel zu eng getrennten Geschlechter-Rollen, das Gender-Thema steht vor der Tür und es wird Zeit, dass es angegangen wird.

So steht in diesen Tagen /Sommer 2010) auf einem öffentlichen Programm-Blatt als Referent tatsächlich wieder „Flex Prüßner“; der Kollege wird es wieder öffentlich erklären müssen, denn inzwischen gelingt es sogar der Presse fast zu 100%, mit meinem amtlichen Vornamen klar und schnörkellos umzugehen. Und vom „Flex“ hatte man da auch nie etwas gehört, außer, es rutscht Kollegen in gemeinsamen Pressegesprächen immer noch heraus!


      * = Walter Flex (* 6. Juli 1887 in Eisenach; † 16. Oktober 1917 bei Pöide (Peude) auf der estnischen Insel Saaremaa (Ösel)) war ein deutscher Schriftsteller und Lyriker. - unter anderem: „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ (Novelle), 1916 und darin das Gedicht „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ ... wurde bald mehrmals vertont und zu einem der bekanntesten deutschen Gedichte überhaupt. Ebenso avancierten der Titel des Buches und einige Aphorismen aus seinem Inhalt zu populären Schlagwörtern.

 

Sammlung "Geh Schichten" - (C) Christel Pruessner, Hannover 2010